WIE das Systemische Denken entstand
Ein gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Schmelztiegel
Die Systemik entstand nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einem einzigen Ort oder durch die Arbeit einer einzelnen Person. Sie entwickelte sich in einem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Schmelztiegel, in dem:
- neue technische Möglichkeiten,
- Erkenntnisse über lebende Organismen,
- psychologische und soziologische Gesellschaftskritik sowie
- die Suche nach anderen Formen des Lebens und Zusammenlebens aufeinandertrafen.
Ihre wissenschaftlichen Grundlagen reichen bis in die 1940er- und 1950er-Jahre zurück. In der Kybernetik, der Informationstheorie und der allgemeinen Systemtheorie begann sich eine neue Sprache für komplexe Zusammenhänge herauszubilden. Statt einzelne Erscheinungen auf einfache Ursachen zurückzuführen, richtete sich die Aufmerksamkeit auf:
- Wechselwirkungen,
- Rückkopplungen,
- Regelkreise,
- Kommunikation und
- die Beziehungen zwischen den Teilen eines Systems.
Die frühe Computerentwicklung trug dazu bei, Vorstellungen von Information, Steuerung und Selbstregulation grundlegend zu verändern. Maschinen konnten Prozesse erfassen, Rückmeldungen verarbeiten und ihr weiteres Verhalten daran ausrichten. Zugleich beschäftigten sich Biologie, Neurologie und Verhaltensforschung mit der Frage, wie lebende Organismen ihre Umwelt wahrnehmen, Unterschiede erkennen, Informationen verarbeiten, sich selbst regulieren und miteinander kommunizieren.
Damit entstand ein Denken, das technische, biologische, psychologische und gesellschaftliche Vorgänge nicht mehr nur voneinander getrennt betrachtete. Sehr unterschiedliche Phänomene ließen sich nun als dynamische Gefüge beschreiben, deren Verhalten aus dem Zusammenspiel ihrer Elemente hervorgeht.
Von der einzelnen Person zu ihren Beziehungen
Auch in Psychiatrie und Psychotherapie begann sich die Perspektive zu verändern. Seelische Probleme waren bis dahin überwiegend als Eigenschaften, Defekte oder Erkrankungen einzelner Menschen betrachtet worden. Seit den 1950er-Jahren richteten erste Forscherinnen, Forscher und therapeutische Teams ihren Blick zunehmend auf Familien und deren Kommunikation.
Sie beobachteten, dass das Verhalten eines Menschen häufig erst verständlich wird, wenn seine Beziehungen, seine familiäre Geschichte und die wechselseitigen Reaktionen der Beteiligten einbezogen werden. Was bei isolierter Betrachtung unvernünftig oder krank erschien, konnte innerhalb eines Beziehungssystems eine nachvollziehbare Funktion besitzen.
Die Aufmerksamkeit verschob sich damit von der Frage:
Was stimmt mit diesem Menschen nicht?
zu weiterführenden Fragen:
In welchen Beziehungen und Lebensbedingungen ist dieses Verhalten entstanden? Wie reagieren die Beteiligten aufeinander? Welche Muster wiederholen sich? Was trägt unbeabsichtigt dazu bei, dass ein Problem bestehen bleibt?
Die Familientherapie hatte dabei keinen einzelnen Ursprung. Sie entwickelte sich an verschiedenen Orten, aus unterschiedlichen Schulen und in Auseinandersetzung mit Psychiatrie, Psychoanalyse, Kommunikationsforschung, Anthropologie und Kybernetik. Aus diesen zunächst teilweise voneinander unabhängigen Ansätzen entstand allmählich eine neue therapeutische Bewegung.
Eine Gesellschaft stellt ihre Ordnungen in Frage
In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren gerieten zugleich viele Gewissheiten der westlichen Gesellschaften ins Wanken. Der Vietnamkrieg, die Bürgerrechts- und Befreiungsbewegungen der Schwarzen Bevölkerung, die Studentenproteste, die Frauenbewegung und eine zunehmend öffentliche psychologische und soziologische Gesellschaftskritik stellten überlieferte Ordnungen grundsätzlich infrage.
Hierarchische Machtsysteme, militärischer Gehorsam, autoritäre Erziehung, starre Geschlechterrollen und traditionelle Vorstellungen von Ehe, Sexualität und Familie erschienen nicht länger als unveränderliche Tatsachen. Sie wurden als gesellschaftlich hervorgebrachte Ordnungen erkennbar, die hinterfragt und verändert werden konnten.
Es entstand die Hoffnung, eine Kultur der Unterordnung, Anpassung und Härte in eine Kultur des Miteinanders, der Verständigung und der persönlichen wie gesellschaftlichen Befreiung zu verwandeln. An Universitäten und Forschungsinstituten, in politischen Gruppen und neuen Gemeinschaftsformen, auf Festivals, in Proberäumen, Ateliers und Tonstudios entwickelte sich ein neuer Geist.
Viele Menschen wandten sich humanistischen, sozialistischen und anarchistischen Ideen, östlichen Philosophien, Meditation, Naturverbundenheit und neuen Formen gemeinschaftlichen Lebens zu. Teilweise gehörte auch die Erkundung veränderter Bewusstseinszustände durch LSD, psychoaktive Pilze und andere Substanzen zu dieser Suchbewegung. Nicht alle dieser Versuche waren tragfähig oder ungefährlich. Gemeinsam war ihnen jedoch häufig der Wunsch, die Grenzen des gewohnten Denkens zu überschreiten und andere Möglichkeiten menschlichen Lebens zu erkunden.
Erziehung, Anpassung und die Folgen von Härte
Auch Psychologie und Pädagogik begannen, die Folgen autoritärer Erziehung und institutioneller Macht kritischer zu untersuchen. Lob und Tadel, Strafe und Belohnung, Gehorsam und Konditionierung wurden nicht mehr selbstverständlich als neutrale Mittel der Erziehung betrachtet.
Es entstand die Frage, ob eine Erziehung, die Kinder vor allem an bestehende Verhältnisse anpasst, zugleich Angst, Scham, Entfremdung und Empathieverlust hervorbringen kann. Seelische und körperliche Erkrankungen, Abhängigkeiten, Gewalt und scheiternde Lebenswege wurden zunehmend nicht allein als individuelles Versagen verstanden. Familiäre Beziehungen, gesellschaftliche Bedingungen, institutionelle Strukturen und über Generationen weitergegebene Verletzungen rückten stärker in den Blick.
Zugleich wurden ältere reformpädagogische Ansätze wiederentdeckt und weiterentwickelt. Selbstbestimmtes Lernen, demokratische Beteiligung, Erfahrungsorientierung, Kreativität und die Achtung kindlicher Eigenständigkeit sollten Bildung und Erziehung verändern. Kinder sollten nicht allein auf die Einordnung in bestehende Systeme vorbereitet, sondern in ihrer Wahrnehmungs-, Beziehungs- und Entwicklungsfähigkeit begleitet werden.
Wirklichkeit wird gemeinsam hervorgebracht
Mit der weiteren Entwicklung der Systemik veränderte sich schließlich auch das Verständnis von Erkenntnis. Der Konstruktivismus machte darauf aufmerksam, dass Menschen Wirklichkeit nicht einfach wie ein fertiges Bild aufnehmen. Sie wählen aus, unterscheiden, deuten und verbinden ihre Wahrnehmungen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen, Erwartungen, Beziehungen und ihrer Sprache.
Damit trat auch die beobachtende Person selbst in den Blick. Wer einen Menschen, eine Familie oder eine Organisation beschreibt, steht nicht außerhalb der beobachteten Wirklichkeit. Schon die gestellten Fragen, die verwendeten Begriffe und die eigene professionelle Position beeinflussen, was sichtbar wird und welche Entwicklungen möglich erscheinen.
Aus der Vorstellung, Systeme von außen erkennen und zielgerichtet steuern zu können, entwickelte sich zunehmend ein Verständnis von Beratung und Therapie als Begegnung zwischen eigenständigen, deutenden und lernenden Menschen. Professionelle Begleitung bedeutete immer weniger, anderen die richtige Wirklichkeit zu erklären. Sie bedeutete vielmehr, Wahrnehmungen zu erweitern, bisherige Beschreibungen zu prüfen und neue Handlungs- und Beziehungsmöglichkeiten entstehen zu lassen.
Von der Familientherapie in viele Lebensbereiche
Aus der Familientherapie und dem Denken in Beziehungen, Wechselwirkungen und Kontexten wuchs eine Perspektive, die bald weit über das therapeutische Feld hinausreichte. Seit den 1970er- und 1980er-Jahren fand systemisches Denken zunehmend Eingang in Erziehungsberatung, Jugendhilfe, Pädagogik, Sozialarbeit, Supervision, Coaching, Teamentwicklung, Organisationsentwicklung und Führung.
Dabei bildete sich keine einheitliche und abgeschlossene Schule. Die Systemik entwickelte sich durch verschiedene theoretische Strömungen, therapeutische Schulen, fachliche Kontroversen und neue Anwendungsfelder. Sie nahm Erkenntnisse auf, veränderte ihre eigenen Annahmen und lernte, auch die Grenzen und Nebenwirkungen ihrer früheren Modelle kritisch zu betrachten.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Teil ihrer Lebendigkeit. Systemisches Denken besteht nicht aus einer festgelegten Sammlung von Methoden. Es ist eine fortwährende Bewegung des Beobachtens, Verstehens, Prüfens und Neuverbindens.
Eine andere Art, den Menschen zu sehen
Die Systemik eröffnete eine andere Art, Menschen und ihre Schwierigkeiten zu betrachten: nicht als voneinander getrennte Einzelwesen, sondern als lebendige, wahrnehmende und sich entwickelnde Wesen in Beziehungen, Familien, Gemeinschaften, Organisationen, Kulturen und ökologischen Zusammenhängen.
Sie fragt nicht nur nach den Ursachen eines Problems, sondern nach den Bedingungen, unter denen es entstanden ist und fortbesteht. Sie betrachtet nicht nur Defizite, sondern auch Fähigkeiten, Erfahrungen, Beziehungen und bisher ungenutzte Möglichkeiten. Und sie versteht Entwicklung nicht allein als Korrektur eines Menschen, sondern als Veränderung von Wahrnehmung, Kommunikation, Beziehung und gemeinsam hervorgebrachter Wirklichkeit.
Aus Kybernetik und Biologie, Familientherapie und Kommunikationsforschung, Gesellschaftskritik, humanistischer Psychologie, Konstruktivismus und neuen pädagogischen Bewegungen entstand so schrittweise eine der bedeutendsten interdisziplinären Perspektiven auf menschliches Leben und Zusammenwirken.
Die Systemik wuchs – und sie wächst bis heute.
Die stille Innovation unserer Zeit & der Einfluss der Systemik
Die durch Kybernetik, Konstruktivismus und systemisches Denken angestoßenen Paradigmenwechsel reichen heute weit über die ausdrücklich systemischen Fachgebiete hinaus.
Agilität und Netzwerkdenken, Fehlerkultur und Empowerment, Perspektivwechsel, Ressourcenorientierung, Selbstorganisation und Selbstwirksamkeit sowie das Verständnis von Symptomen als sinnvollen Hinweisen sind zu selbstverständlichen Denk- und Handlungsformen geworden.
Sie prägen Pädagogik und Psychologie, Therapie und Beratung, Coaching und Supervision, Führung, Team- und Organisationsentwicklung ebenso wie Kunst, Kultur und gesellschaftliche Entwicklungsarbeit – häufig, ohne dass ihr systemischer Ursprung noch erkennbar ist.
So gehört die Systemik zu den großen stillen Innovationsbewegungen unserer Zeit: Sie hat unser Verständnis von Menschen, Lernen, Entwicklung, Zusammenarbeit, Führung und Veränderung grundlegend erneuert und bringt aus ihrem lebendigen Beziehungsgeflecht bis heute neue Ansätze und Möglichkeiten hervor.
